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Gender

- Michelina de Cesare (Quelle:Wikipedia)
Gibt es neben den offensichtlichen biologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern auch noch andere Unterschiede? Diese Frage wird heute generell mit „ja“ beantwortet, und die Untersuchung dieser Unterschiede sind „Gender“ Themen.
Der integrale Ansatz, mit seinen Elementen von Perspektiven, Entwicklung, Typologien und Zuständen bietet einen Rahmen, um Gender Fragen neu zu stellen und auch zu beantworten.
Übersicht über die Beiträge zu diesem Thema:
Feminismus und Bewusstsein
Feminismus und Bewusstsein
von Hilde Weckmann
Kürzlich habe ich im Berliner Frauenarchiv www.FFBIZ.de an einer Sitzung teilgenommen – wir haben das Projekt vor fast 30 Jahren gegründet – da wurden mir - wie so oft - die vielen feministischen Strömungen deutlich.
Nach der bürgerlichen Frauenbewegung, die in Europa seit dem 19. Jhdt. aktiv war, kristallisierte sich direkt aus der Studentenbewegung eine neue Form der Organisation von Frauen heraus. Dies wurde zu einem wesentlichen Bestandteil im Übergang der Avantgarde der westlichen Kultur von der Moderne in die Postmoderne. Strukturen in der westlichen Gesellschaft, die Hierarchien, Vormachtsstellungen und Privilegien gestützt hatten, wurden bewusst infrage gestellt und nach außen sichtbar gemacht.
Wir sahen Anfang der 70-er Jahre des 20. Jhdt. viele seit Generationen vertraute Dinge in evolutionär völlig neuen Kontexten und das schien uns plötzlich so klar, dass wir oft überrascht waren, welch empörte Reaktionen wir bei vielen Männern und Frauen hervorriefen. Interessierte Frauen trafen sich in kleinen Gruppen, Termine wurden mündlich und telefonisch weitergegeben. Wir lebten in den Anfangsjahren nach der Parole, alle Frauen sind Schwestern - allein durch ihr Frausein - und dies gab uns für einige Zeit eine enorme Schubkraft, mit der wir tatsächlich Veränderungen in einigen westlichen Gesellschaften bewirken konnten. Die Zeit war günstig, so ist der Übergang von der Moderne in die Postmoderne kräftig durch die Frauenbewegung mitgestaltet worden. Über Jahrtausende geprägte - teils aus einer evolutionären Perspektive für gewisse Zeiträume durchaus sinnhaft erscheinende - Diskriminierungen wurden zu öffentlichen Themen und mehr als 30 Jahre später können wir erleichtert feststellen: viele fast schon kosmische Gewohnheiten wurden verändert! Niemand kann mehr leugnen, dass Frauen heute mehr Bildungs- und Berufsmöglichkeiten haben und dass es Veränderungen an den Arbeitsplätzen und bei der Bezahlung von Frauen, sowie bei der Vereinbarkeit und Familie und Beruf gibt.
Dennoch sind wahre Gleichheit und Partnerschaft in vielen Bereichen noch nicht realisiert. Berufstätige Frauen haben Kinder und verdienen eigenes Geld, dennoch sind sie es in den allermeisten Fällen, die das Essen zubereiten und danach spülen und die Wäsche waschen. Das weibliche Durchschnittseinkommen für gleiche Arbeit liegt nach wie vor ein Viertel unter dem der Männer und in den Spitzenpositionen von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik sind Frauen weiterhin recht selten.
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Wilder Frieden
Wilder Frieden

- Max Peschek
In unserer Kultur sind Frauen und Männer in unterschiedlicher Zahl in Berufen und Lebensbereichen vertreten. Erklärt wird die unterschiedliche Verteilung in der Regel damit, daß ein Geschlecht (die Männer) das andere (die Frauen) unterdrückt, und zwar weltweit, kulturübergreifend und über einen Zeitraum von mehreren tausend Jahren. Das Opfer-Geschlecht ist naturgemäß gut, das Täter-Geschlecht böse. Auf eine einfache Formel gebracht: Frauen sind Schafe, Männer sind Wölfe. Diese Anschauung ist inzwischen so sehr verbreitet, daß eine andere Sicht geradezu blasphemisch wirkt. Dennoch: Wäre es denkbar, daß das Verhältnis und die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern von Frauen und Männern im Großen und Ganzen gemeinsam hervorgebracht wird (mit entsprechenden Vor- und Nachteilen für beide)? Und zwar als jeweils beste Lösung in einer bestimmten Umwelt mit einem bestimmten technisch-ökonomischen, kulturellen sowie individuellen Entwicklungsstand?
Für eine integrale Auseinandersetzung mit Geschlechterfragen wurde von Wilber der Begriff ‚Integraler Feminismus’ vorgeschlagen; nachteilig an diesem Begriff ist, daß Männer sich nicht unbedingt angesprochen fühlen. Im internationalen Diskurs hat sich inzwischen der Gender-Begriff durchgesetzt; Gender bezeichnet dabei ursprünglich die kulturelle Prägung des Geschlechts im Gegensatz zur biologischen Prägung (‚sex’) – eine Unterscheidung, die der deutschsprachige Begriff ‚Geschlecht’ so nicht hergibt. Idealerweise wäre Gender die Fortsetzung des Feminismus mit dem Ziel, Gleichberechtigung und Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen zu erreichen, indem durch die Integration von Feminismus und Männerforschung auch Männer aktiv einbezogen werden. Der Gender-Ansatz ist jedoch stark mit dem postmodernen Wertesystem verbunden, so daß die integrale Perspektive auch einen neuen Begriff wie „Integral Genderdevelopment“ oder „Integral Genderliberation“ braucht. Ein guter deutschsprachiger Begriff wird noch gesucht; für diesen Aufsatz zitiere ich als Überschrift einen Buchtitel, der für mich das Ende des Geschlechterkampfes auf den Punkt bringt.
Essentialistische Traditionen und die Evolutionsbiologie betonen die Bedeutung der Gene, Hormone und Lebensbedingungen für die Entstehung männlicher und weiblicher Verhaltensweisen. Postmoderner Dekonstruktivismus hingegen betont, dass unterschiedliches Verhalten von Frauen und Männern in hohem Maße, wenn nicht sogar ausschließlich, von der Kultur geprägt sind. Wer hat recht?
Ein integraler Ansatz wird zeigen, dass beide Theorien recht haben – in ihrem eigenen Geltungsbereich. Beide Perspektiven, die biologische und die kulturelle, sind wahr – aber partiell. Und wir werden sehen, dass es eine bestimmte Logik gibt in der Entstehung von Perspektiven aus und auf Geschlechterrollen, sei es traditionell, modern, postmodern oder integral.
Dem integralen Modell folgend können wir Geschlecht aus den Hauptperspektiven oder Quadranten betrachten, die Entwicklung einer Geschlechtslinie durch alle Entwicklungsebenen, die Typen männlich/weiblich für alle Linien sowie die Bedeutung von Geschlecht für veränderte (spirituelle) Bewußtseinszustände; diese fünf Bestandteile werden im folgenden erörtert.
Ken Wilber: Sex, Gender, Trans-Gender
Ken Wilber: Sex, Gender, Trans-Gender
Einleitung der IN Redaktion
Neben den Quadranten, Ebenen, Linien und Zuständen sind die Typen eines der fünf grundlegenden Elemente des integralen Modells. Typologien wurden in Ansätzen wie dem Enneagramm und Myers-Briggs untersucht, die einfachste Typologie ist jedoch die von maskulin und feminin. Die Frage der Studentin bezieht sich jedoch nicht nur auf Typologien, sondern auch auf Entwicklung. Wie Ken erläutert, kann man die Geschlechtsidentität in der Tat als eine Entwicklungslinie betrachten. Auf einer egozentrischen Entwicklungsebene ist die geschlechtliche Identität eng an das eigene biologische Geschlecht gebunden, als Mann oder Frau in einem menschlichen Organismus. Auf der ethnozentrischen Entwicklungsebene werden diese biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen in geschlechtsspezifischen Rollen als etwas „Gottgegebenes“ festgelegt. Auf einer weltzentrischen Entwicklungsebene ist man schließlich zu einer kritischen Betrachtung dieser sozial konstruierten Geschlechterrollen der Kulturen in der Lage und kann sich eine eigene Geschlechtsidentität schaffen. Auf einer integralen und kosmozentrischen Entwicklungsebene geht man in gewisser Weise über die Geschlechtlichkeit hinaus [“trans-gender,”], und der Identitätsschwerpunkt ist in allem, was erscheint, einschließlich des eigenen Körpers und Geistes, der davon ein kleiner Teil ist. Ken erläutert die quadrantische Natur geschlechtlicher Identität und die Bedeutung eines wahrhaft integralen Feminismus.
Frage: In unserem Kurs haben wir das Integrale genau untersucht und sind dabei überall auf Typologien gestoßen. Wir haben uns dabei dir Frage gestellt, wie wir uns als männliche und weibliche Individuen sehen. Viele haben dabei beschrieben, dass im Verlauf ihrer eigenen Entwicklung die Grenzen immer mehr ineinander übergehen und immer mehr dieser Geschlechtergewohnheiten transzendiert werden können. Ich habe dann die Frage gestellt, ob wir es hier mit einer diese 12 oder mehr Entwicklungslinien zu tun haben, was denken Sie darüber?
KW: Je nachdem, wie man geschlechtsspezifische Entwicklung beschreibt, denke ich, dass es sich dabei um eine spezifische Entwicklungslinie handelt. Ich beziehe mich jetzt auf die Terminologie in Integrale Psychologie und blättere gerade zu den Tafeln am Ende des Buches, dort gibt es auch eine Darstellung zur Geschlechtsidentität [auf Tafel 7]. Die Entwicklung verläuft danach von niedrig zu hoch:
- von morphogenetischen Gegebenheiten
- zu undifferenziert
- zu einer differenzierten Identität des Basisgeschlechts
- zu einer Geschlechtskonventionalität
- weiter zu den Normen des Geschlechts
- zu einer transdifferenzierten Geschlechtsandrogynität
- hin zu einer tantrischen Vereinigung über das Geschlecht hinaus
Das ist nur ein sehr grober Anfang und Überblick für die Geschlechtsidentität als eine Entwicklungslinie, Kohlberg und Gilligan und andere haben darüber geschrieben.
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Das Erscheinen des integral Femininen
Das Erscheinen des integral Femininen

- Diane Hamilton
(aus: Integral Naked: Willow Pearson, Diane Musho Hamilton Sensei, and Sophia Diaz: The Apperance of the Integral Feminine)
Jetzt in diesem Augenblick, wo Du dies liest, versuche Dir Deine allererste Erinnerung ins Gedächtnis zu rufen. Erinnere Dich an die Farben, die Geräusche, die Gerüche und alles, was damit zusammenhängt. Noch wichtiger dabei: versuche Dich zu erinnern, wer Du in diesem Augenblick warst und was Du mit dem Wort „ich“ bezeichnet hast.
Wende jetzt Deine Aufmerksamkeit auf das, was jetzt ist – nimm einen tiefen Atemzug und fühle den Raum um Dich herum, höre auf die Geräusche im Hintergrund, vielleicht Vogelgesang oder Regen, der gegen das Fenster prasselt, oder das Summen der Festplatte Deines Computers.
Wenn Du den Ozean von Zeit überschaust, der Dich von Deinen frühesten Erinnerungen trennt, bemerkst Du vielleicht zwei Dinge: Alles in Deinem Leben hat sich geändert, und doch bleibt auch etwas auf ewig unverändert. Das Empfinden des Ich Bin im Herzen Deines Seins, dieses unendlich unveränderliche Jetzt – das ist das heilige Männliche. Und absolut alles andere ist das heilige Weibliche – alles, was Du berühren, riechen, schmecken und denken kannst, jede flüchtige Form innerhalb der anstrengungslosen Weite des Ich Bin.
Im Miteinander von beidem manifestiert sich der gesamte Kosmos, spielt, tanzt, kämpft und liebt - unmittelbar vor (und hinter) Deinen Augen ...
Quelle: Online-Journal Nr. 8




